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_Transponder Oktober 2006
featuring:
Sebastian Osterhaus
#8



2006
 

»Man braucht unbedingt Menschen um sich, die das vertreten können, was man macht «Sebastian Osterhaus



 
Richters Prinzip ist »Stilprin- zip durch Stilbruch«. Find auch ich zeitgemäß.

Sebastian Osterhaus
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Sebastian Osterhaus studiert Kunst und Kunstgeschichte an der Universität Osna- brück. Seine Malerei steht in einem Bezug zu Gerhard Richter – und ist doch ganz anders …

((( t ))) Du benutzt zur Charakterisierung deiner Bilder die Begriffe »Verunklärung- en« und »Diffusionen«. Auch wenn die Be- griffe eigentlich eindeutig sind: Sag doch mal bitte, wie du das meinst?

Wahrnehmung, das aufmerksame Betrachten bestimmter Details, das eigentliche »Sehen« wird durch technische Eingriffe, wie diese von Dir erwähnten Verunklärungen und Diffusio- nen intensiviert. Ich erreiche durch das Verwi- schen von Ölfarbe, dass der Betrachter ge- nauer hinschauen muss. Obwohl durch diese stilistische Verunklärung vieles verborgen
bleibt, versucht der durch die Diffusionen ver- unsicherte Betrachter eigene Begriffe für das nicht Erkennbare zu bilden. Meine Bilder sind sicherlich nicht »Fast-Food-Nahrung«, also nicht leicht konsumierbar. Aufgrund ihrer Inhalte und technischen Umsetzung erfordern sie eine Auseinandersetzung. Man sieht immer wieder neue Details, die man einen Tag zuvor noch gar nicht wahrgenommen hat. Für mich sind meine Bilder wie eine auf den Kopf gestellte Erlebnis- welt.

((( t ))) Du sprichst von einer Schattenwelt, die du mit deinen Bildern untersuchst. Klingt unheimlich. Wie meinst du das?

Wir leben doch alle in einer Schattenwelt. Wenn die Sonne scheint, siehst Du doch über- all Schatten, oder?! Nein, Scherz beiseite. Al- so zuallererst muss ich betonen, dass ich meine Motive »meistens« umkehre. Das heißt, dass ich malerisch Farbfotonegative herstelle. Hat ein Mensch einen bräunlichen Hautfarbton, wird er bei mir sicherlich blau-violett wiedergegeben. Ich kehre aber nicht nur um oder schaffe Ver- unklärungen. Durch das Verzerren von Per- spektiven und Figurationen erscheint alles wie aus dem Lot gerückt. Die scheinbar von uns als logisch wahrgenommene Realität wird in meinen Bildern also komplett verleugnet. In diesen Bil- dern stößt der Betrachter auf Welten, die er in unserer Realität vermutlich als märchenhafte Realismusphantasien abtun würde. Nur weil im- mer alles logisch, wissenschaftlich und mathe- matisch erklärbar sein muss, kann es doch trotzdem Alternativen geben. Eine solche Mög- lichkeit von Welt siehst du in meinen Bildern. Aber da sie nicht offensichtlich ist, liegt sie so- zusagen im Schatten unseres Unterbewusst- seins.

 

((( t ))) Was bringt dich in die Nähe Gerhard Richters?

Gute Frage. Sicherlich sein technischer An-
satz der Verunklärungen und Diffusionen. Richters Werk fasziniert mich sehr. Selten zu- vor habe einen derart technisch perfekten
Maler gesehen. Zudem ist er taktisch geseh-
en ein perfekter Stratege. Also eine sehr »ver- kopfte« Kunst, vor der niemand steht und
sagen kann: »Das kann ich auch!«. Erstmals habe ich einen Richter-Zyklus auf der MOMA augenscheinlich verinnerlicht. Aber erst ein
Jahr später, als ich fast schon zufälligerweise
in Düsseldorf eine Richter-Retrospektive be- suchte, erkannte ich auch für mich neue Mög- lichkeiten.
Jeder angehende Künstler braucht für sich einen Ansatz. Das heißt, dass du nur selbst- ständig werden kannst, wenn du anfänglich bei jemand anderen, der dich mit seinem Schaffens- werk beeindruckt (hat), ansetzen kannst. In
der Bildenden und Darstellenden Kunst kann
so gut wie nichts mehr erfunden werden. Ich kann die Welt also nicht mehr neu erfinden. Aber ich kann Stilistiken aufgreifen und aus- arbeiten. Sozusagen etwas Gegebenes auf meine Weise umändern, ausarbeiten und fort- führen. Ich habe mich in den letzten zwei Jahren sehr intensiv mit dem Werk Richters befasst. Ich stieß dabei auf Themen und malerische Möglichkeiten, die er nicht bearbeitet hat. So fand ich zu Anfang einen Ansatz und erarbeite- te mir seine Sujet verschleiernde Maltechnik.

((( t ))) Was unterscheidet deine Arbeit von jener Gerhard Richters?

Sehr viel. Ich arbeite sehr ambivalent. Zeichnungen, eigene und fremde Fotografien, Abbildungen aus Tageszeitungen, Illustrierten und Büchern bilden meine Grundlage. Bei Richter sind die Motive inhaltlich nicht besetzt. Das heißt, dass sie frei von inhaltlich emotio- nalen oder moralischen Verwürfnissen sind. Bei mir spielt dieser Aspekt keine Rolle. Zudem arbeite ich auf einer anderen Realismusebene. Während Richter in seinen beinahe fotorealis- tischen Bildern realitätsnah bleibt, erscheinen meine Bilder aufgrund der farblichen Gegeben- heiten, Verzerrungen und der verschwommenen Hintergründe wie Unterwasserwelten. Zudem wirken sie sehr narrativ und zum Teil eher illus- trativ. In diesem Zusammenhang möchte ich auf den Leipziger Künstler Neo Rauch hinweisen, dessen Werk mich beinahe ebenso lange be- gleitet, wie Richters Schaffen. Vor allem Rauchs Figurationen und räumlich Anlagen sind sehr beeindruckend. Da kann man viel lernen. Das einzige was mich in die Nähe Richters bringt, sind also die technischen Möglichkeiten der Dif- fusionen und der Ansatz nach fotografischen Vorlagen zu malen.

 

((( t ))) Welchem Genre möchtest du deine Arbeit zuordnen?

Schwer zu sagen. Vielleicht magischer Rea- lismus mit surrealistischen Tendenzen. Ich habe keine Ahnung. Interessiert mich aber auch nicht. Ich mache einfach das, worauf ich Lust habe und kümmere mich recht wenig um Einordnung- en und Klassifizierungen meiner Arbeiten. Das Wichtigste ist für mich, dass ich mich nicht ver- blenden lassen möchte und stets frei experimen- tieren kann. Nichts ist so spannend wie das Offenhalten von künstlerischen Wegen. Leider sind viele Künstler zu einseitig und zudem in- haltlich beschränkt. Das möchte ich auf gar kei- nen Fall. Sicherlich ist ein Wiedererkennungs- wert nötig. Aber leider beschneiden sich dort zu viele Künstler. Auch hier kann man wunderbar auf Richter verweisen. Sein Prinzip ist »Stilprin- zip durch Stilbruch«. Find auch ich zeitgemäß.

((( t ))) Bald hast du hier in Osnabrück dei- nen Abschluss. Wie geht es dann weiter?

Ich trete eine kleine Reise an. Sie führt mich nach Dresden. Genauer gesagt an die Hoch- schule der Bildenden Künste. Meinen Grob- schliff habe ich in Osnabrück erhalten und nun erfolgt halt der Feinschliff. Zudem ist es für mich wichtig, Fuß fassen zu können. Man braucht unbedingt Menschen um sich, die das vertreten können, was man macht. Ich sehe für meine
Art der Kunstauffassung mehr Möglichkeiten
in Ostdeutschland. So erhoffe ich mir, dass mein Aufbaustudium in Dresden zu einem Sprungbrett wird. Daran arbeite ich intensiv.
Ich möchte zudem die Neue-Leipziger-Schu- le-Szene miterleben können. Vor allem in Dresden und Leipzig passiert in den letzten
Jahren so viel, dass ich einfach nur glücklich und dankbar sein kann, dort einen Studienplatz erhalten zu haben …

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Sebastian Osterhaus

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