I'm an artist, not a social worker,
sagt Lucie in dem Film The Residents, am Don-
nerstag, den 26. April, im Programm „Niemands-
land“ des European Media Art Festival in der Lagerhalle gelaufen.
Lucie hat mit diesem Spruch nicht nur Recht, sie liefert gleichzeitig die Begründung dafür, warum Medienkunst manchmal so verschlossen, so sperrig, so oberflächlich oder auch so tiefgründig sein kann. In jedem Fall ist Medienkunst vor allem etwas für Künstler, Intellektuelle und Cineasten, die das Experiment nicht scheuen (alle, die hier stutzen, wissen: das Experiment ist für jene Lebensquell).
Wenn aber Geburtstag ist, dann darf das Geburts-
tagskind alles machen – es ist dann König für die Dauer des Geburtstags. Die sprichwörtliche Medail-
le, die es bekommen hat, hat wiederum die sprich-
wörtlichen zwei Seiten. Einerseits ist es angenehm, dass der Besucher mit Überschaubarem empfangen wird (so manche Ausnahme, neutral gemeint, gibt es beim Filmprogramm). Andererseits ist dieses Über-
schaubare auch gleich die Crux. Zumindest ich möchte gepackt und vom Hocker gerissen werden …
Die scheinbare Oberflächlichkeit der Ausstellung
in der Dominikanerkirche, liebevoll auch DoKi genannt, wird didaktisch (durch einen roten Faden, und rot meint in diesem Fall nicht Cinema sondern Geist) nicht aufgefangen, eine Führung tut not. Es sei denn, man kauft den Katalog, den es dieses Jahr übrigens separat für die Ausstellung gibt (ein gro-
ßes PLUS).
Zwischen Poesie und Prätentiosität verläuft manch-
mal ein schmaler Grat und die Ästhetik mancher Produktion ist doch zu steril bis hin zur Aseptik, als dass Poesie aufkommen könnte. Es sei denn, man will ein neues Wort erfinden: Meister-Proper-Poe-
sie. Damit ist übrigens nicht unbedingt der Inhalt gemeint sondern vor allem die Form (Welche Tech-
nik wähle ich? Welchen Bildausschnitt nehme ich? Farbe oder Schwarz-Weiß oder Tönung? Welche Tiefenschärfe verwende ich? Nutze ich als Brenn-
weite Tele/Zoom oder Standard oder Weitwinkel, oder wie mische ich alle drei?).
Kulturos möchte sich als Kulturmagazin einer Kunstgalerie den Luxus erlauben, bei diesem gattungsfreien Non-Profit-Text einzelne Arbeiten nicht zu kritisieren. Denn ich kann die Ausstellung trotz einiger Schwächen empfehlen, nicht zuletzt deshalb, damit Sie sagen können, Sie seien beim
20. dabei gewesen. — Spaß beiseite: Der Zug der Medienkunst fährt zwar schon eine ganze Weile, aber dafür fährt er langsam genug, damit Sie noch aufspringen können. Und für die, die schon längst mit dem Zug fahren: „Überraschend, nicht wahr, dass wir erst hier sind?! Ich dachte, wir wären schon viel weiter … “ — „Das wären wir auch, aber die-
ser Zug ist ein Jubiläumszug und ist deshalb ei-
nen feierlichen Umweg gefahren. Ich dachte, das wüsstest du?!“
Man sagt von gewissen Produkten, von welchen man erwartet, daß sie sich, zum Teil wenigstens, als schöne Kunst zei-
gen sollten: sie sind ohne G e i s t ; [obgleich man] an ihnen, was den Ge-
schmack betrifft, nichts zu tadeln findet. Ein Gedicht kann recht nett und elegant sein, aber es ist ohne Geist. Eine Ge-
schichte ist genau und ordentlich, aber ohne Geist. Eine feierliche Rede ist gründlich und zugleich zierlich, aber oh-
ne Geist. Manche Konversation ist nicht ohne Unterhaltung, aber doch oh-
ne Geist […]. Was ist denn das, was man hier unter Geist versteht? ¹
Immanuel Kant
Eine Aufgabe für Sie: Besuchen Sie die Ausstellung und bewerten Sie sie anhand des Kant-Auszugs.
¹ Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft (Erster Teil, I. Abschnitt, 2. Buch, § 49).