Kunst ist, das zu schaffen, was man unbedingt machen muss
Angela Große
Mit Angela Große präsentiert der zweite Transponder auf osnabrueck-net eine weitere Osnabrücker Künstlerin, die ihr Atelier an der Nobbenburger Straße hat, direkt gegenüber vom CD-Tempel. Unscheinbar von außen, doch vollblutkünstlerisch von innen.
September 2005. Ich bin früh dran, Angela lässt mich herein, muss aber noch etwas erledigen und bittet mich kurz um Entschuldigung ... Kunst an der Autobahn ist mir bis heute unbekannt gewesen. Doch Angela wird mir heute zeigen, dass es so etwas gibt. Und sie wird mir zeigen, dass die Zusammenführung zweier Autobahnen mit Kunst einhergehen kann. Sie erklärt:
A.G.: Diese Autobahnlückenschließung ist ein besonderes Wirtschaftsprojekt gewesen. Die Wirtschaft hatte massiv gespendet, nicht nur im Emsland sondern auch in den umliegenden Kreisen, um den Bau der Autobahn voranzutreiben. Die Überlegung war dann, dort an der A31, als Erinnerung daran, etwas aufzustellen. Der Auftrag an mich ist gewesen, mir zu dem Ereignis “Lückenschluss” eine Skulptur einfallen zu lassen und ein Werkmodell vorzustellen. So habe ich das gemacht und – das fand dann auch Anklang ...
((( t ))) Mit dem Lückenschluss ist ja erst mal der Lückenschluss der Autobahn gemeint. Aber du hast dann ja ein Modell entwickelt, das auf den Begriff Lückenschluss einen sehr starken Bezug hat ...
A.G.: Ja, für mich ist es wichtig gewesen, das Thema Lückenschluss in dem Werk wiederzufinden – aber es sollte darüber hinaus noch mehr zu finden sein. Ich hab ja die drei Steine so gestaltet, dass eine Art Zeichensystem sich zu einem Kreuz verbindet – in diesem Fall ein Wegekreuz. Denkbar ist aber auch ein Kreuz als universelles Zeichen, das für Verbindung steht oder für ein Energiebündel. Aber so etwas kann man auch noch viel weiter fassen. Und nicht nur einfach zwei Autobahnen, die sich treffen ... (schmunzelt) – das war für mich wichtig, dass einerseits der Bezug zu dem Ort zu sehen ist (es steht jetzt kurz vor dem Schüttorfer Kreuz) und andererseits auch darüber hinausweist. ...Und es musste wirklich einfach gefasst sein: es muss zu erkennen sein, wenn man mit über 100 km/h daran vorbeifährt. Diese Steine stehen jetzt gut 50 Meter voneinander entfernt. Ich bin selber auch schon daran vorbeigefahren und hab auch schon von anderen gehört, dass das alles gut zu sehen ist. Und das befriedigt mich dann auch, dass das alles so geklappt hat, wie ich mir das vorgestellt habe.
Das Ganze war natürlich auch eine große logistische Aufgabe. Die Steine sind über 5 Meter hoch und ein Stein wiegt so um die 30 Tonnen. Meine kleine Künstleranarchistenseele ist schon etwas stolz darauf, dass die Autobahn, die ja schon auf dem Streckenabschnitt geöffnet war, für eine ganze Nacht und einen halben Tag gesperrt werden musste um die Steine dort aufzustellen – das war schon ein großer Akt. Die haben damit in der Nacht angefangen, bei Scheinwerferlicht.
Die Steine stehen auch auf festen Fundamenten und die Standorte sind auch statisch vorher geprüft worden. Zur Machweise: Die Vorbereitung des Projektes hat zwar lange gedauert, aber als dann alles in trockenen Tüchern war, sollte es schnell gehen. Also mit Hammer und Meißel war da nicht viel zu machen – das hätte den Zeitrahmen überschritten. Maschinen mussten also her und es ist so, dass die Einschnitte in die Steine so tief sind, dass man selbst mit einer großen Flex nicht so tief in den Stein gekommen wäre, wie ich es wollte. Es musste also ein Ausweg gefunden werden und da schlug man mir eine Fräsmaschine vor, die diese Einschnitte dann wirklich so nach meinen Vorgaben in die Steine gefräst hat. Durch die Tiefe der Einschnitte ergibt sich auch das Schattenspiel und dadurch ist es eben auch gut zu erkennen.
((( t ))) Ist es klassische Bildhauerei oder durch dieses Zeichensystem schon etwas, das über die reine Bildhauerei, über eine nonverbale oder präverbale Ebene hinausgeht?
A.G.: Ja, mit Sicherheit führt es auch schon darüber hinaus. Schon was die Größe und die Schnelligkeit angeht, mit welchen dieser Auftrag auch stehen musste. Die Steine bildhauerisch zu bearbeiten, eine gänzlich andere Gestalt zu geben – mit Hand- oder Maschinenwerkzeugen, die man mit der Hand führt –, das war hier nicht gegeben.
Übrigens sind es Bad Bentheimer Steine, das heißt die Steine kommen aus der Region. Es ist wichtig, dass diese Steine auch für diese Region dort stehen. Klar, jemand, der fremd ist und daran vorbeifährt, wird jetzt nicht wissen, dass das Bad Bentheimer Sandstein ist, wenn er sich nicht mit den unterschiedlichen Sandsteinformen befasst hat, die es gibt. Wer sich damit ein bisschen auseinandergesetzt hat, dass der Stein leicht rötlich ins Beige gehend ist und auch diesen hellen Grundton hat – der erkennt das dann auch wieder, denke ich. Dies und natürlich der exponierte Standort an einer Autobahn waren Gründe für mich diese Steine nur "minimalistisch" zu bearbeiten. Weniger wichtig hingegen erschien es mir, dass ich das selber tue sondern eben eine Maschine anstatt meiner. Aber ich habe ja trotzdem Eingriff genommen, indem ich der Maschine vorgegeben habe, wo, wie tief und wie lang sie in genau diesen Stein eingreifen soll.
Natürlich, dieses Zeichensystem ist dann auch irgendwo etwas Universelles – man kann es sich nicht nur auf einem Stein vorstellen. Das gibt es ja andererseits auch in anderen Kunstformen, die mit Zeichensystemen arbeiten oder mit Zeichen an sich.
((( t ))) Wo gibt es Informationen über die "Kunst an der A 31"?
A.G.: Die Wirtschaft, sprich die IHK, die dieses Projekt mit dem Landkreis Emsland geleitet hat, hat sich darüber auch Gedanken gemacht und ist dann zu dem Schluss gekommen, dass an den jeweiligen Raststätten vor und hinter dem Aufstellungsort – an beiden Seiten der Autobahn – kleinere Steine mit Hinweisen stehen sollten, das heißt jeweils ein Stein mit dem ersten Zeichen. Die sind über zwei Meter groß und weisen auf die großen Steine hin; sie sind von der Form und von den Ausmaßen her eigentlich nur verkleinert. Auf der Rückseite wurde eine Tafel angebracht, wo auf die Besonderheiten dieses “Lückenschlusses” dann hingewiesen wird.
((( t ))) Das hört sich alles ziemlich gewichtig an – hat dir diese Arbeit dann also einen richtigen Karriereschub gebracht?
A.G.: Mein Name tritt bei dieser Sache vordergründig nicht in Erscheinung, weil es eben ein Auftrag gewesen ist. Ich hatte die Arbeit ja nicht auf meinem Hof stehen und die sind gekommen und haben das gekauft. Es ist eine explizit für den Auftrag auserdachte Idee und Ausarbeitung. Allerdings überlege ich noch, ob man nicht auf den Rastplätzen noch ein Schildchen anbringen sollte mit dem Hinweis auf die Autorenschaft. Aber letztendlich hoffe ich auch, dass das nicht unbedingt nötig ist, weil derjenige, der sich dafür interessiert, vielleicht auch mal nachfragt. Und das ist ja auch keine temporäre Sache. Die Steine werden da 20 Jahre mindestens stehen (lacht) ...
((( t ))) Wann ist "Kunst an der A 31" entstanden?
Letztes Jahr. Ich habe im April angefangen und die Aufstellung war im Oktober, da war es dann auch groß in der Presse. Die ganze Durchfahrt über die Autobahn – von Emden bis Oberhausen – war dann ab dem 17. Dezember möglich. Vorher konnte man nur bis Emsbüren. Die Anschlussstelle Emsbüren liegt direkt hinter der Kunst und da gab es dann den Durchstich. — Die Steine stehen jetzt also fast ein Jahr.
((( t ))) Nimmst du eigentlich auch kleinere, private Aufträge an?
A.G.: Sehr gerne sogar. Und zwar ebenso für Innenräume als auch für den Garten oder für Geschäftsräume. Dabei kann ich selbstverständlich Formen, die in Gips bereits hier bei mir im Atelier als Modell zu sehen sind, dann in Stein arbeiten – so wie es eben geht, oder für einen Auftrag eine neue Form konzipieren. Speziell für Innenräume arbeite ich auch gerne in Gips. Denn obwohl man von mir auch eine Skulptur kaufen kann, die hier unter meinen abgeschlossenen Arbeiten im Atelier zu finden ist, arbeite ich auch gerne ganz individuell in Bezug auf den Raum und die Umgebung. — Das macht mir Spaß, das ist auch eine Herausforderung. Ich empfinde das nicht als Last oder als Knebelung meines Künstlerseins. Ich habe mir, glaube ich, schon einen Stil erarbeitet, der eigentlich durchgängig zu finden ist. Und von daher fühle ich mich dann auch ganz frei in meinem Schaffen, weil die Ideen zu den Formen aus mir herauskommen.
Ich lasse mich von der Natur inspirieren, nehme Formen auf und versuche die dann auch umzugestalten, etwas Neues daraus zu entwickeln. Es ist sicherlich so, dass es das Runde, das Organische ist, das mich inspiriert. Ich arbeite auch gern mit Fundstücken aus Holz, die ich einbringe in eine Form aus Gips, und dann ist es manchmal gar nicht sicher, ob ich eine Form vielleicht im Kopf habe, in die ich das Fundstück hineinbringe, oder ob das Fundstück mich zu einer neuen Form inspiriert und das Ganze dann sozusagen eine ganz neue Form wird. Das ist ein Prozess, den man nicht immer trennen kann und der sich einfach aus der Arbeit ergibt.
Ja, ansonsten fällt mir noch ein, dass ich in letzter Zeit viel mit Speckstein gearbeitet habe, was ein sehr angenehmes Material ist. Weil ich mit diesem Material sehr schöne Formen finden kann und auch den Stein noch respektieren muss. Der Gips ist ja im Grunde nur ein totes Material, das heißt, das Leben, das dann in der Gipsskulptur ist, muss ich selbst hineinbringen, wohingegen in einem Speckstein dieses Leben bereits drin ist – so wie überhaupt in einem Stein. Und darauf muss ich eingehen in meiner Form, weil ich die Materialität nicht übergehen kann. Das ist für mich wichtig, dass man auch auf die Materialität eingeht und dem Material nicht einfach eine Form aufdrückt.
((( t ))) Was ist Kunst?
A.G.: Ich glaube, dass man Kunst an sich ja nicht definieren kann, da gibt es den Streit: 'Was ist Kunst, was ist nicht Kunst'. Und das ist ja abhängig vom Betrachter oder vom Beurteiler, deshalb sage ich mal: Kunst ist, das zu schaffen, was man unbedingt machen muss! — Ich könnte nicht glücklich sein in meinem Leben, wenn ich nicht Kunst schaffen könnte, also wenn ich nicht kreativ gestalten könnte in Gips, Ton, Stein oder anderen Materialien. Und mir würde explizit etwas sehr Wichtiges in meinem Leben fehlen. Auch Kochen, Lieben und Gärtnern ist Kunst!
Ich denke, aus dieser Notwendigkeit, das machen zu müssen, dass dann auch mit der Beschäftigung oder mit dem Tun selber auch eine Kunstform erreicht wird – eine Kunst. Und das ist auch, glaube ich, der Unterschied zur Hobbykunst, wobei ich die auch überhaupt nicht negativ besetzten möchte. Und ich will auch nicht sagen, die können weniger als ich, weil ich das auch gar nicht so erlebe. — Aber für mich ist das Wichtige und die Unterscheidung: diese innere Notwendigkeit. Wenn ich in dem Zusammenhang an meine Bildhauer-Steinkurse am Piesberger Gesellschaftshaus denke ... Also ich habe inzwischen Fotoalben voll von den Sachen, die dort entstanden sind, und da sind immer ganz tolle Sachen herausgekommen. Die Kreativität schlummert also eigentlich in allen Menschen, nur ob sie diese Notwendigkeit des Tuns auch verspüren – das denke ich oft nicht.
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