| „Ich hatte seit jeher eine Aversion gegen offizielle gesellschaftliche Ereignisse, politisches Kalkül und kunstmarktstrategische Erwägungen ...“
Alexander Piecha
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Alexander Piecha ist ein leuchtendes Beispiel dafür, dass Kunst nicht Kommerz heißt und außerdem auch etwas ist, das nicht immer mit eiserner Disziplin betrieben werden muss. Trotzdem, oder viel besser: gerade deswegen lohnt es sich, einen Blick auf die Gegenwart und die Vergangenheit des in Engter lebenden ehemaligen Osnabrücker (Promotions-) Studenten zu werfen ...
((( t ))) Du hast im Thermostart° Künstlerverzeichnis „Bildermacher“ als Bezeichnung für deine künstlerische Arbeit angegeben – was hat dich zu dieser ungewöhnlichen Bezeichnung inspiriert?
A.P.: Nun, Künstler klingt einerseits so hochtrabend und ist andererseits sowohl zu weit als auch zu eng gefasst für das, was ich tue: Ich lebe ganz bewusst nicht von meiner Kunst sondern bestreite unseren Lebensunterhalt auf andere Weise. Mithin bin ich nicht abhängig davon, Kunst verkaufen zu müssen. Die Kehrseite der Medaille ist, dass ich zumindest gegenwärtig nur sehr wenig Zeit für meine künstlerisch-produktive Arbeit habe – aber davon vielleicht später mehr.
Die Bezeichnung Künstler ist zu weit für mich, weil nicht nur sowohl der Musiker als auch der Schauspieler ebenfalls Künstler sind, sondern auch innerhalb der Bildenden Künste es viele Spielarten gibt, die nicht auf meine Arbeiten zutreffen. Ich produziere keine dreidimensionalen Objekte, Installationen oder Environments und ich befasse mich auch nicht mit Performance-Künsten, sozialen Skulpturen oder Concept-Art. Ich mache Bilder, zweidimensionale Bilder, manchmal bewegt, meist aber statisch, also nenne ich mich Bildermacher.
Die Bezeichnung Künstler ist zu eng für mich, weil ich, solange ich denken (und einen Stift halten) kann, versuche, mir ein Bild von meiner Welt, inklusive meiner eigenen Person, zu machen. Daraus resultiert auch meine intensive Beschäftigung mit Philosophie, die für einige Jahre sogar eindeutig im Vordergrund meiner Aktivitäten stand. Ich mache mir ein Bild von der Welt, in der ich lebe, und von mir selbst, also nenne ich mich Bildermacher.
((( t ))) Du hast einen Doktortitel – worin hast du promoviert?
Wo wir gerade davon sprachen: Ich habe in Philosophie zu der Frage der Begründbarkeit ästhetischer Werturteile promoviert, siehe
. Motiviert hat mich dazu das mir befremdlich erscheinende Phänomen, dass während meines Magisterstudiums der Kunst/Kunstpädagogik fortwährend meine Professoren in den verschiedenen Disziplinen meine Arbeiten bewertet haben. Das ist natürlich auch ihre Aufgabe als Lehrende der Kunst, aber ich war sehr oft nicht einverstanden mit ihrer Einschätzung. Verglichen mit meinem damaligen Zweitfach der Mathematik, waren die Bewertungskriterien nicht nur schwammig, sondern oft überhaupt gar nicht erkennbar. Es war ein sehr krasser Gegensatz: Axiome und glasklare unpersönliche Logik auf der einen Seite (wenngleich oft durchaus gepaart mit subjektiver Begeisterung für das Fach) und höchst subjektive, nur spärlich begründete Werturteile auf der anderen. Das hat mich dann der Philosophie in die Arme getrieben, die ich zunächst, nach Degradierung der Mathematik zum Nebenfach als zweites Nebenfach studierte und mit der ich mich dann bis zur Promotion intensiv weiterbeschäftigte. Später habe ich dann noch diverse Lehraufträge in Osnabrück, Oldenburg, Bremen und Vechta wahrgenommen, zum Teil sogar bis zu vier parallel in einem Semester.
Seit dem Wintersemester 2004/2005 aber habe ich die akademische Philosophie an den Nagel gehängt, da ich als in der freien Wirtschaft beschäftigter Familienvater nicht die nötige Präsenz auf einschlägigen Kongressen und ähnlichen Veranstaltungen erbringen kann, um mir auch nur geringe Jobchancen hier auszumalen. Ich will darum das Thema hier auch gar nicht weiter vertiefen. Wenn der Inhalt meiner Diss interessiert, der kann obigen Link anklicken – und wer mit mir und Anderen philosophische Themen diskutieren möchte, der ist herzlich in mein Online-Forum eingeladen:
((( t ))) Deine Website www.apiecha.de ist reichhaltig – beschreib doch bitte kurz die Struktur.
Da ich seit jeher eine Aversion gegen offizielle gesellschaftliche Ereignisse, politisches Kalkül und kunstmarktstrategische Erwägungen hatte, beschloss ich 1999, das Medium Internet als Ausstellungsplattform für meine Arbeiten zu nutzen: Ich kann selbst entscheiden, was ich wie zeigen will und das unbefristet und für wenig Geld. Bald schon aber war es mir zu wenig, dort nur eine Nabelschau meiner eigenen Arbeiten zu veranstalten, so dass ich andere mit ins Boot nahm. Binnen kurzem kam noch eine philosophische Sektion hinzu, so dass gegenwärtig (mit mir) 13 Künstler und 5 Autoren dort präsent sind. Bis heute entscheide ich ganz allein und völlig undemokratisch, was ich zeige und was nicht. Im Gegenzug liegt dann auch alle Arbeit bei mir – ebenso wie die Kosten, die sich aber glücklicherweise im Rahmen halten, insbesondere, wenn man sie mit der Zeit vergleicht, die ich in dieses Projekt investiert habe.
Des Weiteren erhebe ich keinerlei Provisionen oder ähnliches. Will sagen, es kostet nichts, wenn man bei mir ausstellt und wenn einer über meine Galerie etwas verkauft, so ist das ganz alleine sein eigenes Glück, von dem ich keinen Tribut verlange.
((( t ))) Woran arbeitest du zur Zeit?
Seit circa einem Jahr befinde ich mich in gewisser Weise in einer Schaffenspause. Seit ich der universitären Philosophie den Rücken zukehrte, unterwarf ich auch all meine sonstigen, über Jahre hinweg gepflegten Lebensziele einer gründlichen Überprüfung und Neustrukturierung. Was ist das Resultat? Nun, zum Einen halten mich meine vier Kinder, mein Job und die Kampfkunst Karate
sehr in Atem – immerhin ein Grund, warum wir dieses Interview ja per E-Mail führen – und zum Anderen nehmen mich andere Pläne sehr in Anspruch, über die ich aber noch nicht öffentlich reden möchte. Ein aktuelles aber noch nicht abgeschlossenes Kapitel meiner Arbeit, das ich bei nächster Gelegenheit wieder aufgreifen möchte, ist die Serie der Kosovo-Bilder
. „Fast zwölf Stunden Videomaterial mit aufgezeichneten Fernsehnachrichten zum Kosovo-Krieg bilden die Grundlage für mittlerweile zwei Bildserien und einen 20-minütigen Film.“ Und das Thema interessiert mich immer noch, geht es doch um das Erscheinungsbild der Welt in den Medien, die wiederum unser aller Bild von der Welt mittlerweile maßgeblich gestalten. „So sind der Stil und die Sehgewohnheiten der jeweiligen Gegenwart für den Zeitgenossen meist völlig transparent und mithin nicht wahrnehmbar. Dennoch ist unsere Wirklichkeit von unseren Sichtweisen geprägt. Selbst die Tagesschau wird inszeniert: Ein Heer von Masken- und Bühnenbildnern gestaltet die visuelle Erscheinungsweise, Texter formulieren die Texte und bereits die Auswahl der Themen aus der Flut der verfügbaren Nachrichten beinhaltet eine subjektive Wertung. Damit ist auch die Tagesschau Ausdruck einer subjektiven, oder vielleicht eher kollektiven Sichtweise. Wen daran Zweifel quälen, der möge sich einmal die Tagesschau von vor dreißig Jahren ansehen oder unsere Nachrichten mit Berichten zu denselben Ereignissen aus anderen Ländern vergleichen. Wirklichkeit läßt sich immer nur in einer jeweils bestimmten Sichtweise ins Bild setzen (...)“
(In: bilden mit kunst, hrsg. v. Landesverband der Kunstschulen Niedersachsen e.V., transcript Verlag, Bielefeld, 2004, 177-184)
((( t ))) Was bringt die nahe Zukunft?
Gute Frage – zum Glück weiß ich das gar nicht so genau ... Ich hoffe bald wieder etwas mehr Zeit für das Bildermachen zu haben. Bis dahin vertröste ich mich gegenwärtig damit, die besten unter den vielen Geschichten aufzuschreiben, die ich mir im Laufe der letzten Jahre für meine Kinder ausgedacht habe. Und ich schmökere nach Kräften in möglichst dicken Büchern – Hauptsache es ist nichts Philosophisches oder sonst wie Wissenschaftliches. Auf diese Weise versuche ich, den Druck, den ich mir selbst in den vergangenen zehn Jahren gemacht habe, zu reduzieren, um mich dann mit frischer Motivation wieder „ans Werk“ machen zu können.
Wenn es dann irgendwann tatsächlich soweit sein sollte, habe ich mir außer der Fortsetzung der Kosovo-Serien vorgenommen, wieder viel mehr zu zeichnen, weil das so eine bescheidene und ohne großen Aufwand zu realisierende Form des Bildermachens ist, die zudem sehr persönlich und direkt ist. Vielleicht lässt sich das eine ja auch mit dem anderen verbinden? Aber ob das etwas wird, das weiß ich nicht, da ich jedes Mal, wenn ich zum Bleistift greife, von einer Art Paralyse ergriffen werde: Warum will ich eigentlich zeichnen, was will ich zeichnen, warum gerade das da, und warum überhaupt zeichnen?
Manchmal schaffe ich es, diese Reflektionsstarre zu überwinden, manchmal weiche ich dann doch wieder auf den Fotoapparat aus, der sich mir eigenartigerweise noch nie verquer in den Weg gestellt hat, wenngleich er doch viel komplizierter und technischer ist als ein simpler Stift. Aber dennoch, ich will es versuchen. Insgeheim habe ich gute Zeichner schon immer bewundert ... ;o))
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